top of page
Search
  • Writer's pictureAxel Liebetrau

Interview mit Axel Liebetrau im Magazin „Schaufenster“

« Prognosen sind schwierig – vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen», sagt man scherzhaft. Können Sie uns einen Trend nennen, bei dem Sie als Futurist schon daneben lagen?

Vor sehr langer Zeit wurde ich in einem Interview zur Zukunft des Handels gefragt, was eher im Laden um die Ecke und nicht im Internet gekauft werden wird. Meine Antwort war „Schuhe“.

Viele Experten haben beispielsweise die Folgen der Covid-Pandemie falsch eingeschätzt. Einige gingen etwa davon aus, dass Fernreisen nicht mehr gefragt sein würden. Solche Szenarien sind nicht eingetroffen. Was ist die Ursache solcher Fehleinschätzungen?

Fernreisen werden aktuell von einigen Menschen als kritisch gesehen, aber eher aus Gründen des Klimaschutzes. Auch geschäftliche Fernreisen werden verstärkt durch virtuelle Meetings ersetzt. Die Reisebranche hat weitgehend ihre Lehren aus der Pandemie gezogen und bietet für Kundinnen und Kunden mit besonderen Schutzbedürfnisse entsprechende Dienstleistungen an . Auch versucht die Reisebranche Geschäftsreisen wieder attraktiver und einfacher zu machen. Nicht nur die Reisebranche, nahezu alle Branchen, haben Ihre Hausaufgaben gemacht und Vorkehrungen vor erneuten Pandemien getroffen.

Aber nun zur Frage der Fehleinschätzungen von Szenarien. Szenarien sind denkbare Situationen in der Zukunft, auf welche sich eine Organisation eventuell vorzubereiten hat. Szenarien haben daher nicht den Anspruch genauso in der Zukunft einzutreten, sondern wollen mögliche Verläufe aufzeigen und zum „Zukunfts-Denken“ anregen. Die Prognose hat dagegen den Anspruch möglichst genauso in der Zukunft einzutreten. Sie ist eine Voraussagen über Ereignisse, Zustände oder Entwicklung in der Zukunft, somit eine Vorhersage mit welcher eine Organisation rechnet und sich entsprechend darauf ausrichtet.

Wenn es nach den Prognosen ging, müssten beispielsweise auch gedruckte Zeitschriften ein Auslaufmodell sein. Dennoch entstehen immer wieder neue. Zum Beispiel hat BMW letztes Jahr das neue über 130-Seiten dicke Magazin «Freude.Forever» lanciert. Wie beurteilen Sie die Perspektiven von Papier?

Gedruckte Zeitschriften haben nicht mehr den Stellenwert wie sie einmal hatten. Sie sind aber kein Auslaufmodell, welche komplett von etwas Neuem vollständig ersetzt werden. Sie werden ihren besonderen Stellenwert immer haben. Genauso wie andere Medien wie z.B. Radio oder Fernsehen. Das Internet ersetzt diese Medien nicht komplett. Das Internet drängt sie zurück und verändert deren Nutzung.

Papier als Medium für Kommunikation oder Verbreitung von Informationen ist eine sympathische Nische und kann für bestimme Anwendungen sinnvoll sein. Papier hat eine ungebrochene sinnliche und haptische Wirkung und ist ein ausdrucksvolles Medium für emotionale Botschaften. Hier liegen künftige Nutzungsmöglichkeiten von Papier.

Ist es denkbar, dass Papier und Pappe in digitalen Zeiten neue Chancen erhalten?

Den sinnlichen, haptischen und emotionalen Nutzen von Papier und die sich daraus entstehenden Möglichkeiten, habe ich bereits angesprochen. Alles Analoge, wie z.B. ein Kaminfeuer, wird durch die vermehrt digitale Nutzung von Dingen immer besonderer und wertvoller für den Menschen. WhatsApp-Nachrichten bekommt man viele, eigenhändig geschriebene Briefe eher selten. Entsprechend wird das Analoge wertgeschätzt und bekommt verstärkt einen ganz besonderen Flair.

Einen völlig anderen Effekt können wir seit einigen Jahren beobachten. Wir haben einen weltweit steigenden Papierverbrauch durch einen gesteigerten Online-Handel. Im Internet bestellt und in Papier, Karton oder Pappe verpackt geliefert. Ein gutes Beispiel, welches aufzeigt wie durch Veränderungen an völlig anderen Stellen neue Chancen und Möglichkeiten entstehen.


Welche drei Trends dürften unseren Alltag in den nächsten Jahren auf den Kopf stellen?

Ich darf Trends und Technogien als Treiber der Zukunft zusammenfassen?

Künstliche Intelligenz (KI) kommt in die Pubertät. Damit ist sie aus den Kinderschuhen, aber noch lange nicht erwachsen. Wir werden neue Geschäftsmodelle und Unternehmen sehen, welche es heute noch gibt und wir uns es noch nicht vorstellen können. KI wird beispielsweise ihre Steuererklärung oder ihre Geschäftskorrespondenz machen – ohne dass ein Mensch nochmals darauf schaut. ChatGPT ist ein aktuelles Beispiel für diese neuen Nutzungsmöglichkeiten.

Klimaschutz und Dekarbonisierung wird allgegenwärtig sein und die Gesellschaft und wie wir Leben völlig neu ausrichten. Die aktuelle Diskussion rund um die Nutzung der Kernenergie oder eine klimaneutrale Mobilität zeigen dies.

Beim dritten Zukunftstreiber kann ich mich nicht zwischen New Work und New Energy entscheiden. Beides sehe ich gleich stark. Wie die Zukunft von Arbeit aussieht, ob es Arbeit wie wir es kennen, überhaupt noch Sinn macht oder wie digitales Arbeiten aussieht, sind die Themen rund um New Work. Um unseren Lebensstandard halten zu können und gleichzeitig klimaneutral zu leben bedingt bezahlbare und saubere Energien. Dies sind die Themen rund um New Energy..

Wandel und Innovation sind Dauerbrenner in Ihren Vorträgen. Wie können Firmen sicherstellen, dass sie nicht dasselbe Schicksal ereilt, wie einst der Film-Hersteller Kodak?

Eine gesunde Mischung aus Gelassenheit und Paranoia. Geschäftsmodelle führt man nicht jedes Jahr neu ein. Geschäftsmodelle sollten einige Jahre Bestand haben, daher sollte man hier durchaus eine gewisse Ruhe und Gelassenheit hineinbringen. Dennoch sollte man sein Geschäftsmodell immer wieder auf den Prüfstand stellen und dann auch eine gute Dosis Paranoia zulassen. Mein Leitspruch ist: Erfinde Dich immer wieder neu, bevor dies ein Anderer für Dich macht.

Bill Gates hat einmal gesagt: «Wir überschätzen die Veränderung der nächsten zwei Jahre, aber unterschätzen die Veränderung der nächsten 10 Jahre.» Wie gelingt es, einen realistischen Blick fürs Weltgeschehen zu entwickeln?

Bill Gates verdeutlich mit diesem Aphorismus die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit bei Veränderungen, gerade bei technologischen Veränderungen, nicht nur kurzfristig, sondern mittel- und langfristig zu denken.

Ein realistischer Blick auf das Weltgeschehen ist für jeden schwierig. Wir alle sind geprägt durch unsere Erfahrungen und wir haben alle unsere eigenen Einstellungen und Mindsets. Vor dem Eingang des historischen Orakels von Delphi im antiken Griechenland stand „Gnothi seauton - Erkenne Dich selbst!“ geschrieben. Vielleicht immer noch ein guter Tipp! Verstehe zuerst Dich, bevor Du die Welt verstehen kannst.

In der Mode und der Musik feiern derzeit die 80er Jahre ein Comeback. Wie erklären Sie sich das Phänomen?

Mode und Musik sind keine Themen von Corporate Foresight und ich bin hier kein Experte. Ein Grund könnte sein, dass die Menschen von heute in dieser Zeit vor Krisen wie AIDS und planbarem Wirtschaftswachstum eine unbeschwerte Epoche und eine Zeit des positiven Wandels sehen.

Covid, Inflation, Krieg: Europaweit sind viel Menschen krisenmüde. Wie wirkt sich das auf die Wirtschaftswelt aus?

Erstaunlicherweise ist die Wirtschaft trotz großer Schwierigkeiten und schlechten Rahmenbedingungen recht stabil. Aktuell gehen die Wirtschaftsexperten sogar vor einen kleinen Wirtschaftswachstum bei einer geringeren, aber weiterhin hohen, Inflation in 2023 aus.

Mein Fazit: Die Menschen konsumieren weiterhin freudig, aber investieren zurückhaltend und kritischer. Auf den Punkt gebracht, die Menschen leben stärker im hier und jetzt.

Wie lautet Ihr Gegenrezept gegen die Krise? (vielleicht: Sprezzatura).

Gegen Krisen helfen Prävention und Absicherung. Ähnlich wie bei der persönlichen Gesundheit helfen jede Art von präventiven Maßnahmen, um es nicht so weit kommen zu lassen oder es zumindest abzufedern wenn es eintritt. Absichern, z.B. durch mehrere Standbeine, ist teuer, aber im Fall des Eintritts, eine Möglichkeit des Ausgleichs.

Für ein „Mit der Krise zu Leben“ hilft seine Leichtigkeit und seinen Schwung nicht ganz zu verlieren. Dies gilt für Unternehmen und Menschen. Der italienischen Schriftsteller Baldassare Castiglione hat es im 16. Jahrhundert „SPREZZATURA“ genannt. Eine Fähigkeit anstrengende Tätigkeiten und Aktivitäten leicht und mühelos erscheinen zu lassen. Mein Plädoyer ist es, wir brauchen wieder mehr Leichtigkeit, Freude und Schwung im Leben und im Business.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Dankbarkeit für die wesentlichen Dinge im Leben und das bisher erreichte. Gerade wenn man zurück schaut und sieht, was man alles schon erreicht hat, dann kann man meist Stolz und Dank hierfür sein. Dies gibt Hoffnung, auch die Dinge, welche vor einem liegen zu meistern und irgendwann einmal darauf zurückschauen zu können.

Nebenbei: Sie sprechen oft in der Schweiz, sind auch Mitglied von SwissFuture – welchen Schweiz-Bezug haben Sie?

Seit vielen Jahren arbeite und unterrichte für ca. 3 bis 4 Tage im Monat in der Schweiz. Ich habe viele Kunden und Freunde hier. Ich mag die Schweiz einfach und ich bin sehr gerne in der Schweiz unterwegs.

Die SwissFuture ist die Schweizer Vereinigung für Zukunftsforschung. Ich bin langjähriges Mitglied und mag den Austausch untereinander über die Fragen der Zukunft sehr.



(Bio)

Axel Liebetrau ist einer der einflussreichsten Experten und Keynote Speaker für Innovation, Trends und Zukunft im deutschsprachigen Raum.

Der Zukunftsmanager überzeugt mit seiner fundierten akademischen Ausbildung als Dipl. Betriebswirt (FH), einem MBA in International Management Consulting und einen DAS in Research Methods. Darüber hinaus blickt er auf über 30 Jahren Praxiserfahrung als Banker, Managementberater und Autor zahlreicher Bücher und Artikel zurück. Er ist Unternehmer und Partner von führenden Beratungsunternehmen.





15 views0 comments

Comments


bottom of page